Die Kunden finanzieren mit

Banken vorn

Unternehmens- und Projektfinanzierungen laufen in Deutschland, wie in kaum einem anderen Land, zum weitaus größten Teil über Banken. Die Eigenkapitalquoten deutscher Mittelstandsunternehmen sind im internationalen Vergleich extrem niedrig.

Die Folgen sind:

  • Hohe Risiken für die finanzierenden Banken. Es ist zu erwarten, dass sie künftig deutlich höhere Eigenkapitalanteile verlangen, Kredite zurücknehmen und Zinsverteuerungen vornehmen werden.
  • Hohe Risiken für die Unternehmer: Sie können nicht mehr reagieren, wenn aufgrund von Marktveränderungen und eigenem Wachstum Investitionen notwendig werden, weil das Eigenkapital fehlt und die Banken ihren Finanzierungsanteil nicht mehr erhöhen wollen.

Auf der anderen Seite haben private Geldanleger immense Summen in alle möglichen Formen der Geldanlage (Aktien, Wertpapiere, Fonds, Sparguthaben) eingelegt. Diese Geldanlagen werden zumeist von Banken verwaltet. Hier stellt sich die Frage, ob nicht Wege gefunden werden können, auf denen Privatkapital direkt in Unternehmen mit Investitionsbedarf fließt.

Die Banken werden immer zurückhaltender mit Krediten, gleichzeitig sind enorme Summen privaten Kapitals auf dem Markt, die nach Anlagemöglichkeiten suchen. Wie lassen sich Anleger finden, die Geld für nötige Investitionen in die Direktvermarktung bereitstellen?

Seit Jahren verzeichnen die Bio-Direktvermarkter zwar kontinuierlich wachsende Umsätze, genießen jedoch nicht den Ruf hoher Gewinnerzielung. Zudem haben die Banken aus Unkenntnis der Branche häufig nicht das beste Bild von direktvermarktenden, landwirtschaftlichen Betrieben.

Auf der anderen Seite achten Banken und Privatanleger mehr denn je auf die Nachhaltigkeit einer Geschäftsentwicklung. Auch ethische Aspekte einer Geldanlage gewinnen an Bedeutung. So haben Unternehmen aus der Naturkost- oder Direktvermarkterbranche heute gute Chancen, private Geldanleger direkt für die Finanzierung von Projekten zu gewinnen.

Entscheidend dabei ist, dass man die Seriosität des Unternehmens und der zu finanzierenden Investition überzeugend darstellen kann.

Neue Wege der privaten Kapitalbeschaffung

Doch wie kann privates Kapital in Form von Beteiligungen oder Darlehen akquiriert werden? Für die Direktvermarktung im ökologischen Landbau zeichnen sich folgende Personen oder Unternehmen ab, die gezielt darauf angesprochen werden können:

  • Kunden und Lieferanten: Sie haben Interesse am Erfolg des kapitalsuchenden Unternehmens und pflegen Geschäftsbeziehungen mit ihm. Deshalb sind sie besonders offen dafür, sich finanziell zu engagieren. Vor allem Abo-Kisten-Betriebe verfügen über langfristige, enge Beziehungen zu ihren Kunden und haben deshalb besondere Möglichkeiten, diese für eine Beteiligung zu gewinnen.
  • Mitarbeiter: Sie können in verschiedenster Form finanziell am Unternehmen beteiligt werden (siehe Bioland 6/2000, Seite 16 f.). Stille Beteiligungen oder Darlehen, gegebenenfalls mit staatlicher Förderung, zählen von je her zu den Königswegen der Unternehmensfinanzierung. Sie stärken die Motivation, binden Mitarbeiter enger an das Unternehmen und fördern ihr partnerschaftliches und unternehmerisches Denken.
  • Kapitalanleger aus dem ethisch-ökologischen Bereich: über Kontakte zu ökologischen Parteien, zu Naturschutzverbänden oder anderen Organisationen mit ökologischem, sozialem oder ethischem Hintergrund lassen sich immer leichter interessierte Anleger finden. Die direkte Kapitalanlage in einem Naturkostbetrieb, der einer Branche mit stetigem Wachstum angehört, und zudem überschaubar, anfassbar, persönlich und nachvollziehbar ist, hat für manchen Geldanleger durchaus seinen Reiz.

Die Broschüre als zentrales Werkzeug

Als nächstes stellt sich die Frage: Wie spreche ich die potentiellen Interessenten an?

Selbst wenn man viele der in Frage kommenden Anleger persönlich kennt, ist es unabdingbar, eine schlüssige, interessant aufgemachte Broschüre zur Kapitalbeteiligung zu erstellen. Diese sollte folgende Aspekte enthalten:

  • die Entwicklung des Betriebes, dessen treibende Kräfte und Personen; die Geschäftsentwicklung der vergangenen Jahre und vor Allem die demnächst notwendigen Erweiterungen und Investitionen;
  • die vorher gut durchdachten Beteiligungsmöglichkeiten, konkret dargestellt mit allen wichtigen Einzelheiten, wie Konditionen und Kündigungsfristen;
  • die Gewinnchancen und Verzinsungen für den Anleger;
  • die Risiken: Sowohl private Beteiligungen als auch Darlehen haften in der Regel in voller Höhe und können im schlimmsten Fall für den Anleger ganz verloren gehen.

Gerade beim letzten Aspekt, der Mithaftung der Kapitalgeber, liegt auf der anderen Seite der Wert solcher Anlagen für das Unternehmen, denn die Banken stufen diese Einlagen in der Regel wie Eigenkapital ein.

Im Fall der Beteiligung von Mitarbeitern lässt sich das Ausfallrisiko eventuell durch eine Insolvenzversicherung ausschließen. Sie soll sicherstellen, dass die Mitarbeiter im Ernstfall nicht Job und Ersparnisse verlieren.

Zu beachten ist, dass Anlageprospekte je nach Art des Angebotes gegebenenfalls beim Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel hinterlegt werden müssen und dass der Herausgeber des Prospekts, in der Regel das kapitalsuchende Unternehmen, für alle Aussagen haftet.

Wichtige Fragen bei der Konzeption solcher Beteiligungen sind

  • die Form, also ob beispielsweise ein Darlehen oder eine stille Beteiligung gewählt wird;
  • die daraus resultierenden Informations- und sonstigen Rechte der Anleger;
  • der Grad der Öffentlichkeit: So macht es einen Unterschied, ob man einige persönliche Bekannte für eine Beteiligung wirbt oder das Angebot über Finanzdienstleister, Zeitungsinserate oder gar das Internet anbietet.

Es gibt in Deutschland und international umfangreiche Gesetze zum Schutze der Anleger, die zu berücksichtigen sind. Gerade über die Öffentlichkeit des Internets berührt man eventuell sogar amerikanisches Recht, das besonders strikt in diesen Dingen ist.

Dies alles sollte aber kein Grund sein, die ansonsten sehr interessanten Wege der Kapital- und Finanzierungsbeschaffung aus privater Hand zu beschreiten. Vor dem Aufbau der Beteiligungsformen und für die Erstellung eines Prospektes sollte man sich aber gut informieren und fachlichen Rat einholen.

Verschiedene Praxisbeispiele haben gezeigt, dass mit relativ einfachen Mitteln private Finanzbeteiligungen realisierbar sind. So konnte einer unserer Kunden mit geringem Eigenkapital ein Investitionsobjekt von mehreren Millionen Mark realisieren. Auch hier trug die Bank den weitaus größten Finanzierungsanteil, gewährte ihn aber nur, weil gut 10 Prozent des Investitionsvolumens von Privatanlegern beigesteuert wurde. Diese konnten mit Hilfe eines ansprechenden Prospektes und verschiedener Anlagevarianten zur Unterstützung des Projekts gewonnen wurden.

Gernot Meyer

Bioland 4/2002